CIRCULATIONS


CIRCULATIONS ist ein Projekt, das aus der Dringlichkeit entstanden ist, alltägliche Erfahrungen und Wahrnehmungen von Identität, historischem Gedächtnis und Repräsentation in den Werken von sechs lateinamerikanischen Künstlern zu vermitteln, die eine gemeinsame Erfahrung von Migration verbindet. Ausgangspunkt ist die Frage, wie man sich dieser impliziten Konversation nähern kann, in der visuelle Praktiken in ihrer Materialität und Bildwelt zusammenlaufen, ohne ihre jeweiligen Narrative zu verfestigen. Die ausgestellten Werke bewegen sich an sensiblen Knotenpunkten unterschiedlicher historischer Momente und Kontexte in Lateinamerika und seiner Diaspora. Sie untersuchen urbane Räume, Utopien und Dystopien sowie deren Verhältnis zu weiterhin wirksamen „zivilisatorischen“ Paradigmen. Über die Werke In On Boat (2023–2025) von Víctor Hugo Bravo wird Migration zu einem universellen Thema: Die mögliche Ankunft von Menschen in einem prekären Boot wird mit der Feindseligkeit konfrontiert, die von den Skulpturen seiner Serie Ciudad Negra (Schwarze Stadt) (2018–2026) ausgeht. An der gegenüberliegenden Wand reflektiert Iván Zambrano Downing in Error de cálculo (Fehlkalkulation) (2025–2026) die Erosion moderner Utopien anhand teilweise aufgelöster skulpturaler Formen, die auf Alltagsgegenstände verweisen. Im Nebenraum dokumentiert und problematisiert Ricardo Fuentealba-Fabio mit seinen Zeichnungen aus der Sammlung Núñez+Esperguel die Präsenz deutschen Designs in Chile. Zugleich thematisiert er die Spannungen, die aus den frühen Beziehungen zwischen beiden Ländern hervorgingen, als impliziten Kommentar zu einem „zivilisatorischen“ Projekt und dessen Fortwirken in bestimmten sozialen Wertvorstellungen. Danilo Espinoza Guerra verwendet in Archivo Ochagavía (2025–2026) Rauch, um grafische Arbeiten zu schaffen, die auf der Aktivierung von Fotografien eines aufgrund des Militärputsches von 1973 unvollendet gebliebenen Krankenhauses basieren. In diesem Kontext der Neubetrachtung sozialer und symbolischer Räume nutzt Angie Bonino in El retorno del Inkarri (Die Rückkehr des Inkarri) (2022–2026) Augmented-Reality-Technologien, die in einer Vitrine präsentiert werden, um das Erbe der Túpac-Amaru-Rebellion (1780–1783) sichtbar zu machen. Dabei handelte es sich um den größten Aufstand im kolonialen Spanisch-Amerika mit rund 100.000 Todesopfern, dessen Wirkung sich über die heutigen Gebiete Perus, Boliviens, Chiles und Argentiniens erstreckte. Schließlich kommentiert Fernando Hierro in Exhausted Encryptions (2025–2026), wie die Interaktion mit künstlicher Intelligenz unsere Subjektivität innerhalb einer binären und multimodalen Logik formt. Präsentiert in Gemälden, die Unsicherheit und Undurchsichtigkeit evozieren, entfaltet sich diese Auseinandersetzung im Zusammenspiel von Geometrie, Farbe und kurzen Textfragmenten aus Henrik Ibsens Ein Volksfeind (1882) und Jorge Luis Borges’ Tlön, Uqbar, Orbis Tertius (1940).

Teilnehmende Künstler: Víctor Hugo Bravo (Chile), Angie Bonino (Peru), Danilo Espinoza Guerra (Chile), Ricardo Fuentealba-Fabio (Chile), Fernando Hierro (Argentinien-Schweden) und Iván Zambrano Downing (Chile). Kurator: Fernando Hierro